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Realzins sinkt auf 41-Jahres-Tief – wann reagiert der Goldpreis? von Hannes Zipfel

Ein Gast-Beitrag von Hannes Zipfel, vom 14.05.2021

Im Zuge der überraschend hohen Inflationsdaten in den USA ist der Realzins auf den tiefsten Stand seit 1980 zurückgefallen. Normalerweise ist dies ein positives Umfeld für den Goldpreis. Dennoch entwickelten sich die Notierungen des gelben Edelmetalls zusammen mit den Aktien- und Anleihekursen nach der Veröffentlichung der Daten rückläufig. Ist dies nur ein kurzfristiges Phänomen?

Realzins stürzt weiter ab

Die jüngste Inflationsmessung (CPI) in den USA fiel mit +4,2 Prozent im April gegenüber dem Vorjahresmonat deutlich höher aus als erwartet (+3,6 Prozent). Gegenüber März verteuerten sich die Konsumentenpreise um 0,8 Prozent an. Erwartet wurden hier nur +0,2 Prozent.
Da die nominellen Zinsen weniger stark anstiegen als die Inflationsrate, wurde der Realzins in den USA weiter in den negativen Bereich auf -4,1 Prozent gedrückt. Das ist der tiefste Stand seit Juni 1980.

 

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Der Realzins wird als Differenz zwischen dem Nominalzins und der Inflationsrate berechnet. Die obige Grafik zeigt den Nominalzins einer einjährigen US-Staatsanleihe, die jährliche US-Inflationsrate und den daraus resultierenden einjährigen Realzins.

Die Inflation ist definiert als die jährliche prozentuale Veränderung des Verbraucherpreisindex (CPI) inkl. Nahrungsmittel- und Energiepreise. Bei hoher Inflation steigen die Preise für Waren und Dienstleistungen und die Kaufkraft pro Währungseinheit sinkt entsprechend.
Dollarstärke und Nominalzinsanstieg überlagern kurzfristig den Realzins

In der längerfristigen Betrachtung ist ein Umfeld, in dem der Realzins immer tiefer in negatives Terrain vordringt, positiv für den Goldpreis. Umso tiefer die realen Zinsen fallen, umso höher steigt der Preis und vice versa:

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Nach der Bekanntgabe der jüngsten US-Inflationsdaten verbilligte sich der Goldpreis zunächst zusammen mit den Preisen für Aktien, Anleihen und Kryptowährungen trotz des deutlich rückläufigen Realzinses.

Dafür gibt es zwei Gründe: erstens der Anstieg der nominellen Kapitalmarktrenditen und zweitens der sich in Erwartung höherer Nominalzinsen aufwertende US-Dollar, zu dem der Goldpreis, ebenso wie zu steigenden Renditen negativ korreliert.

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Am Donnerstagnachmittag können die Notierungen der Aktienmärkte, der Anleihen und des Goldes schon wieder Boden gut machen.
Fakt ist, dass eine Zinserhöhung durch die US-Notenbank aktuell erst für Dezember 2022 sicher erwartet wird und der mögliche Beginn eines Zurückfahrens der Wertpapierkäufe frühestens für den Dezember dieses Jahres.

Ob es überhaupt dazu kommt, hängt stark davon ab, wie stabil die US-Wirtschaft nach abflauender Wirkung der diversen kürzlich verabschiedeten Stimulus-Programme dasteht und wie sich die Vermögenspreise weiterentwickeln. Vor allem der für die Konjunktur wichtige Immobilienmarkt ist sehr zinssensitiv. Ein Einbrechen der Refinanzierungstätigkeit in Folge steigender Zinskosten sowie ein Einbruch bei den Aktien- und Anleihekursen würde einen massiven negativen Wohlstandseffekt bedeuten und hätte auch Auswirkungen auf den Arbeitsmarkt durch eine rückläufige Bautätigkeit.

Inflationspotenzial noch nicht ausgeschöpft

Zuletzt hatte sich der Vize-Präsident der US-Notenbank (Fed) Richard Clarida „überrascht“ von dem deutlichen Anstieg der Verbraucherpreise gezeigt. Dabei hatten diverse Frühindikatoren bereits auf einen Teuerungsschub im April hingewiesen.

Die am Tag nach den Verbraucherpreisen publizierten Daten zu den US-Erzeugerpreisen für März zeigen mit einem Plus von 6,2 Prozent auf Jahresbasis weiter nach oben. Auf Monatsbasis stiegen die Preise mit 0,6 Prozent doppelt so stark an wie im Konsens erwartet. Es dauert einige Zeit, bis diese Preissteigerungen auch im statistischen Warenkorb ankommen, der als Grundlage für die Messung der Konsumentenpreisteuerung dient.

Auf dem am 1. Mai abgehaltenen Berkshire Hathaway Annual Shareholders Meeting warnte der legendäre milliardenschwere US-Investor Warren Buffett vor signifikanten Preisanstiegen in den USA: »We’re seeing very substantial inflation«. In seinen weiteren Ausführungen widersprach der mittlerweile neunzigjährige Starinvestor zudem den Aussagen der US-Notenbanker, nach denen der aktuelle Inflationstrend nur ein vorübergehendes Phänomen sei.

Schaut man sich die Dynamik der Geldmengenausweitung (Geldmengen-Inflation) im historischen Vergleich an, dann ist die Skepsis von Warren Buffet nachvollziehbar.

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Es ist durchaus realistisch, dass die Fed die Dynamik der Preisanstiege vor allem bei den Löhnen unterschätzt, ebenso wie die sich selbst erfüllende Prophezeiung einer Inflationsspirale, bei der Konsumenten Preisanstiegen in der Zukunft durch vorgezogenen Konsum zu entgehen versuchen nach dem Motto: schnell noch kaufen, bevor es noch teurer wird. Umso länger die Fed nichts tut, als verbal zu beschwichtigen, umso größer wird die Gefahr eines breiten Vertrauensverlustes.
Fazit und Ausblick

Noch reift der Erkenntnisprozess vieler Marktteilnehmer bezüglich der Zwickmühle, in der die US-Notenbank und ihre Pendants weltweit sitzen. Anders als in den Siebzigerjahren können sie den Kreditzins nicht einfach verteuern, um die Inflation einzubremsen und Vertrauen zu bewahren.

Dies hätte fatale Auswirkungen auf die Vermögenspreisblasen und die Schuldentragfähigkeit.
Sollte sich die Inflation weiter verstärken, wird dieses Dilemma mehr und mehr offensichtlich. Umso handlungsunfähiger die Notenbanken bezüglich der Inflationsbekämpfung sind, umso größer wird das Bedürfnis, sich selbst gegen Inflation zu schützen – auch mit Gold.

Die Tatsache, dass die Notenbanker bis Jahresultimo außer geldpolitischen Phrasen keine realen Schritte zur Bekämpfung der Geldentwertung vornehmen wollen, könnte sich als fatal herausstellen.

Der aktuelle Rückgang beim Goldpreis könnte sich dann sehr schnell ins Gegenteil verkehren und das gelbe Edelmetall würde als Opposition zum Fiat-Money zusammen mit anderen Alternativwährungen erneut reüssieren.

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